Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

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Maltus
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Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

Beitrag von Maltus »

Hallo,
aufmerksam geworden bin ich auf das Thema durch einen Zeitungsartikel im November, heute habe ich mir auf einer Wanderung im südlichen Stadtwald Augsburg selbst ein Bild von der Lage machen können: die Wald-Kiefer stirbt - so deutlich muss man das sagen. Der Stadtwald Augsburg ist ein mehr als 20 qkm großes Areal, zu dem wertvolle Lech-Heiden (Schießplatzheide, Königsbrunner Heide, Kuhheide ...) gehören, aber auch ein wichtiger Bestand an Schneeheide-Kiefernwald. Im Haunstetter Wald, dem Teil des Stadtwalds, in dem ich unterwegs war, beträgt der Kiefernanteil am Baumbestand 40 %. Das Schadensbild: großflächig Exemplare mit lichten, teilweise bis völlig braunen Kronen, am Boden Zweige und Nadeln wie gestreut. Ich war letztes Mal im Sommer vor Ort, da ist mir noch nichts aufgefallen. Es ist wirklich erschreckend, wie rasch sich die Lage katastrophal entwickelt hat. Erste Untersuchungen an wenigen Bäumen haben einen Befall mit Pilzen ergeben, die das sog. "Diplodia-Triebsterben" bei Kiefern auslösen - allerdings in einem Ausmaß, der nicht alleine für das großflächige Kiefernsterben verantwortlich sein kann. Vermutlich waren die Bäume durch Hitze und Trockenheit gestresst, was die Abwehrkräfte gegen die Pilze geschwächt hat. Gemutmaßt wird, das das Areal von einem starken Hagel-Unwetter im Sommer betroffen war, und dass der Pilz v.a. durch die zahlreichen Löcher in der Borke eindringen konnte, die die Hagelkörner (die in der Umgebung ganze Maisfelder abrasiert haben) geschlagen haben. Erstaunlich für mich war, dass alle möglichen Untergründe betroffen waren - von der eher trockenen Königsbrunner Heide bis hin zu befallenen Bäumen, die nur wenige Meter neben einem dauerhaft Wasser führenden Bach und mitten in einem Areal standen, das in Teilen des Jahres überflutet ist, also eher sumpfiger Grund.
Frage: Habt ihr in eurer Region ähnliche Erfahrungen gemacht - und wie ist hier die Schadensdiagnose?
Freundliche Grüße
Georg
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botanix
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Re: Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

Beitrag von botanix »

Hallo Georg,
an mehreren Stellen im Dilltal (zwischen Wetzlar und Dillenburg) waren in Kiefernwäldchen (keine großflächigen Bestände hier und oft auch gemischt) bis zu 50% der Bäume betroffen. Im ersten Jahr sehen die Bäume noch bräunlich aus, im zweiten Jahr nur noch aschgrau. Die Kiefer ist hier auf Hanglagen (mäßig - mittelere) gepflanzt, in den meisten Fällen auf flachgründigem Untergrund. Das Schadbild habe ich im vorbeifahren von der A45 aus beobachten können. Einzelne tote Bäume gibt es immer mal, so dass der unbemerkte Anfang wohl schon vor 2000 lag. Aber nach den letzten Trockensommern wurde es auffällig, auch die Zeitung berichtete übers Kiefernsterben.
Auch ich vermute, dass die Standorte im Sommer zu trocken wurden, die Bäume dadurch geschwächt waren und dem Pilz nicht mehr genügend Widerstandskraft entgegen setzen konnten. Hagelschäden sind hier eher selten (noch...). Von der Kiefer ist bekannt, dass sie der Konkurenz der Buche ausweicht, indem sie auf die trockenen oder feuchten Bereiche außerhalb der ökologischen Amplitude der Buche ausweicht. Damit siedelt die Kiefer aber in beiden Fällen am Rande ihrer eigenen Existenzmöglichkeiten. Sind erstmal infizierte Bäume in einem Bestand, wird der Infektionsdruck auf die noch gesunden Bäume natürlich größer.
Welche weiteren Auswirkungen das absterben der Kiefern auf die Symbiose mit Pilzen und anderen Pflanzen hat, das wird sich zeigen, sicher eher negative Folgen.
Viele Grüße - Peter
alte Botanikerweisheit: man sieht nur was man kennt
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abeja
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Re: Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

Beitrag von abeja »

Hallo,
in meiner Region gibt es nur vereinzelt Kiefern, nicht im Reinbestand, deshalb kann ich da nicht mitreden.

Ein ausführlicher Artikel
https://www.lwf.bayern.de/waldschutz/ph ... /index.php

Für die Infektion wird im Frühjahr feuchtwarmes Wetter benötigt.
Der Trockenstress im Sommer etc. kann dann letztendlich zum Absterben des Baumes führen, nachdem über einen längeren Zeitraum die Krankheit fast symptomlos war.
Viele Grüße von abeja
Spinnich
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Re: Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

Beitrag von Spinnich »

Im Landkreis Rhön-Grabfeld in Unterfranken gibt es oft Mischbestände der Kiefer, teils auch Bestände in der die Kiefer überwiegt mit vereinzelten Eichen.
Auf hügeligem Gelände und auf Kalkböden, teils zusätzlich Sonne/Wind exponiert, gibt es radikale und rasante Absterbe Szenarien an etlichen Standorten. Kürzlich war ich aber in einem feuchten, derzeit schon sumpfigem Areal unterwegs, vorwiegend mit Kiefernbestand. Dort habe ich an keiner der zahlreichen Kiefern Schadsymptome festgestellt.

In reinen Kieferbeständen ist die Neubildung von Grundwasser viel geringer als in Laubwaldbeständen und durch die Nadelholzkrone gelangt auch mehr Sonne und Hitze auf die Streu, weshalb die Bodenfeuchtigkeit schnell abnimmt.
Wenn die Kiefernbestände ganz geschlossen sind und eben so 60, 70 Jahre alt sind, dann haben wir gar keine Tiefenversickerung mehr.
Dass bei den extremen Trocken und Hitzejahren die Bäume dann extrem geschwächt waren, gibt ihnen eben keine Widerstandskraft und Resistenz mehr gegen Schwächeparasiten.
https://weiterdenken.de/de/2022/09/27/wald-und-wasser

LG
Zuletzt geändert von Spinnich am Mi Dez 27, 2023 6:57 pm, insgesamt 1-mal geändert.
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Anagallis
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Re: Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

Beitrag von Anagallis »

Bei Frankfurt und Darmstadt entlang der A5 sind bereits ganze Flächen abgestorben.

Da jetzt wieder irgendeine Infektion vorzuschieben statt die Dauerdürre seit 2016 entbehrt nicht einer gewissen Komik.
Dominik
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abeja
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Re: Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

Beitrag von abeja »

Dass die Trockenheit im Sommer eine große Rolle spielt, steht doch überall.
Wenn die Infektion keine Ursache sein sollte, sondern "nur" trockenes Wetter, dann dürfte es in Brandenburg (bisher Kiefernreinkultur vielerorts) niemals gedeihende Kiefernwälder
gegeben haben, denn dort gab es immer schon relativ wenig Regen.
Viele Grüße von abeja
Maltus
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Re: Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

Beitrag von Maltus »

Herzlichen Dank für alle Beiträge,
natürlich kann man letztlich alles auf den Klimawandel und den damit verbundenen Hitze- und Trockenheitsstress für die Bäume zurückführen, aber Auslöser scheint in der Tat das durch Sphaeropsis sapinea ausgelöste Diplodia-Triebsterben zu sein. Dieser Pilzbefall wiederum wurde initiiert durch die Wunden, die das erwähnte Hagel-Unwetter vom 26.8.2023 in die Borken als Einfallstor für den Befall geschlagen hat. Hagelschlag wird auch als häufige Ursache für das Diplodia-Triebsterben bei Kiefern in dem verlinkten Artikel (danke, abeja) genannt. Dafür spricht auch, dass die vor Ort vorhandenen Fichten aktuell einen guten Eindruck machen, sie sind offenbar nicht anfällig für den Pilz. Ich habe übrigens noch ein Vergleichsbild vom letzten Besuch der Königsbrunner Heide am 29.7.2023 gefunden (unten) - darauf ist von einem Schadensbild an den Kiefern noch nichts zu erkennen.
Freundliche Grüße
Georg
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scheuchzeria
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Re: Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

Beitrag von scheuchzeria »

Hallo,
heute wieder mal die A5, A6 im Sandgebiet gefahren. Von Karlsruhe Richtung Mannheim. Da stirbt links und rechts alles: Kiefer, Buche, Eiche...Douglasie sah auch schon gestresst aus. Unten drunter: Calamagrostis, Prunus serotina, Rubus...Das ist Klimawandel. Bäume wachsen nicht ohne Regen, oder Grundwasser. Wenn es in Trockengebieten gar nicht mehr regnet, sterben die zuerst, die Wasser 20m hoch transportieren müssen, wenn das Grundwasser weg ist. Konnte man im Dürremonitor vom UFZ die letzten Jahre eindringlich verfolgen, was in den tieferen Schichten los war. Bäume mit tiefreichendem Wurzelwerk sind auf die Verhältnisse während der Aufwuchsphase angepasst. Wenn der Kohleabbau endet und das Grundwasser zurückkommt, wird es für die Bäume auf einmal zu nass. Kommt auch nicht gut. Die letzten Jahre waren hart. Das die absterbenden Fichten (immerhin der Brotbaum der Forstwirtschaft) keine große Meldung wert war...aber was jetzt so alles abstirbt, ist mehr als bedenklich. In den Heidegebieten vertrocknen die Birken...usw.
War Horst Stern in den 80er mit dem Waldsterben noch in aller Munde, bin ich nachhaltig entsetzt wie das Sterben seit 5 Jahren schweigend unkommentiert bleibt...viele Forstämter lassen sich "feiern" für Neubegründung ohne Pflanzung. Nee, sie sind ratlos. Auf kritischen Standorten stirbt 90% der Pflanzung wegen Dürre. Macht keinen Spaß
Manfrid
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Re: Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

Beitrag von Manfrid »

scheuchzeria hat geschrieben: Sa Dez 30, 2023 8:53 pmBäume mit tiefreichendem Wurzelwerk sind auf die Verhältnisse während der Aufwuchsphase angepasst. Wenn... das Grundwasser zurückkommt, wird es für die Bäume auf einmal zu nass. Kommt auch nicht gut.
Das dürfte heuer das Hauptproblem sein, nachdem das Wurzelwachstum der letzten Jahre der Trockenheit entsprechend in die Tiefe ging.
scheuchzeria
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Re: Stadtwald Augsburg: die Wald-Kiefer stirbt

Beitrag von scheuchzeria »

Hallo,
nein...bei der Sümpfung von RWE & Co. reden wir von ganz anderen Grüßenordnungen als 5 trockene, 5 nasse Sommer. Das müssen Bäume aushalten, sonst wären sie nicht bei uns das dominierende Gewächs.
vg
scheuchzeria
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