Hochlagen-Lobelien aus Samen ziehen?

Hier könnt Ihr Euch vorstellen oder vom Thema abschweifen.
Antworten
Khalni
Beiträge: 134
Registriert: Fr Jul 08, 2022 3:47 pm
Wohnort: Wo der JWP den Jadebusen touchiert

Hochlagen-Lobelien aus Samen ziehen?

Beitrag von Khalni »

Moin,

Hat jemand von euch Erfahrungen mit Hochland-Lobelien, im speziellen geht es um:

Lobelia bambuseti
Lobelia telekii
Lobelia stuhlmannii
Lobelia gibberoa

Mich würde interessieren, ob ich sie stratifizieren muss und dann Heizung? Ich will nämlich deren Frosthärte mal ausprobieren, finde die unfassbar spannend.

LG Khalni
LG Khalni
Spinnich
Beiträge: 260
Registriert: Mo Okt 24, 2022 1:24 pm

Re: Hochlagen-Lobelien aus Samen ziehen?

Beitrag von Spinnich »

Eine Kaltphase ist sicher erforderlich und wird hier für 2 Arten der Riesen-Lobelien am Ruwenzori beschrieben (etwas unterschiedliche Ansprüche), das gilt für Ähnliche Arten aus den Hochlagen (Anden) Südamerikas ebenso.

https://www.plant-world-seeds.com/store ... d?page=104
https://www.plant-world-seeds.com/store ... lgon-seeds

LG
Khalni
Beiträge: 134
Registriert: Fr Jul 08, 2022 3:47 pm
Wohnort: Wo der JWP den Jadebusen touchiert

Re: Hochlagen-Lobelien aus Samen ziehen?

Beitrag von Khalni »

Danke Spinnich, dann werde ich wohl den Restwinter noch dafür nutzen. ich bin gespannt, ob ich die zum Keimen bringe.
LG Khalni
Benutzeravatar
plantsman
Beiträge: 111
Registriert: Mi Jul 20, 2022 11:30 pm

Re: Hochlagen-Lobelien aus Samen ziehen?

Beitrag von plantsman »

Moin,

die Pflanzen sind Normalkeimer, es wird also keine Stratifizierung benötigt. In den Gruson-Gewächshäusern haben wir vor einiger Zeit zwei Wild-Herkünfte von Lobelia telekii vom Mount Kenya aus ca. 3300 m herangezogen und die Samen sind im Kalthaus sehr gut gekeimt.
Was man jedoch braucht ist eine starke Temperaturschwankung im Tagesverlauf, nachts kalt und tagsüber wärmer. Hier im Kalthaus hatten wir zur Aussaatzeit nachts ca. 4° C und tagsüber, je nach Sonneneinstrahlung, zwischen 12° und 18° C. Diese Temperaturen sollte man während der gesamten Aussaatphase beibehalten. Warum, erkläre ich weiter unten.

Für die Kälteresistenz von Pflanzen sind nicht die absoluten Temperaturen ausschlaggebend sondern die Tages-Mitteltemperatur. Wie weit die Temperatur-Schwankungen nach oben oder unten gehen dürfen, ist dann artspezifisch. Bei unserer damaligen Lobelien-Herkunft konnte man von einer Frosthärte von ca. -8° C ausgehen. Das ist aber nur die Nachttemperatur. Jeden Tag dürfte diese dann am Standort auf mehr als 20° C ansteigen. Somit kommt man auf eine ganzjährige Tages-Durchschnittstemperatur von 7° bis 9° C.
In Mitteleuropa schwanken die Tages-Durchnittstemperaturen jahreszeitlich dagegen sehr deutlich. Als Beispiel: die langjährige Tages-Mitteltemperatur in der Stadt Magdeburg liegt im Winter bei ca. 3° C und im Sommer bei ca. 18° C.
Die Evolution hat diese Pflanzen auf einen ganz anderen Klimaverlauf eingestellt. Sie wollen jede Nacht Winter und jeden Tag Sommer. Dieses Tageszeitenklima ist es auch, was eine Freilandkultur bei uns nur schwer möglich macht.
Die Arten werden bei uns im Winter in einer Dauerfrost-Phase höchstwahrscheinlich erfrieren, weil sie tagsüber nicht auftauen können. Das Problem im Sommer ist dann, dass, sobald die Nachttemperaturen über der artspezifischen Tagesmitteltemperatur liegen, die Pflanzen nachts ihre Reserven veratmen. Das geschah mit unseren Pflanzen, die innerhalb weniger Wochen wegen "Erschöpfung" zusammenbrachen. Man konnte nach den ersten Nächten mit Temperaturen über 12° C beobachten, wie die schon großen Pflanzen immer gelber wurden und nach ca. 6 Wochen waren alle tot, trotz einer Aufstellung an möglichst kühlen Orten.

Ich kenne bisher nur zwei Gärten in Deutschland, die botanischen Gärten Hamburg und Bayreuth, die mit diesen Pflanzen längerfristige Erfolge hinbekommen. Auch in Bonn stehen einige Espeletien aus den Paramos Venezuelas im Bestand. Der Aufwand in den jeweiligen Gärten ist aber immens. In Hamburg stehen die Pflanzen auf Tischen mit Unterbodenkühlung und in einem Gewächshaus mit einer speziellen Glasbeschichtung und in Bayreuth wurde das einzige Gewächshaus weltweit extra für diese Pflanze gebaut. Hier sorgt ein Kühlaggregat und die ebenfass spezielle Verglasung für die nötigen Klimafaktoren.
In Bonn stehen die getopfen Exemplare im Winter im Kalthaus und im Sommer in einem eigens dafür konstuierten Kunststoffzelt. In allen drei Gärten wird mit regelmäßigem Besprühen der Umgebung und einer Ventilation (Verdunstungskälte) tagsüber für weitere Abkühlung gesorgt.

Soweit die Erfahrungsberichte meiner Kollegen aus Hamburg, Bayreuth und Bonn sowie meine eigenen.
Khalni
Beiträge: 134
Registriert: Fr Jul 08, 2022 3:47 pm
Wohnort: Wo der JWP den Jadebusen touchiert

Re: Hochlagen-Lobelien aus Samen ziehen?

Beitrag von Khalni »

Moin Plantsman,

Das klingt ja richtig motivierend, dabei hätte ich gedacht, die Keimung wäre das Schwierigste. Sie sind auch noch nicht gekeimt, stehen seit mehr als einer Woche in einem Raum, der immer zwischen 6-13°C hat, werde sie mal ins Gewächshaus überführen, das wird auf 5°C gehalten und heizt sich in der Sonne auf 15°C und mehr auf.

Ich habe in einem Bericht gelesen, dass mehrere Riesenlobelien es wohl im ozeanisch geprägten Neuseeland zur Blüte geschafft hätten, allerdings ist dort Frost eher Mangelware, aber so schlechte Sommer haben die auch nicht.

Auch wenn es komisch oder hirnrissig erscheinen mag, aber ich glaube nicht jede Pflanzenart ist an ihrem Standort bestmöglich angepasst, sondern viele befinden sich schlicht dort, weil ihre Standortampitude z.B. besser ist, als von einer anderen Pflanzenart, welche diese jedoch auf diese Nische verdrängt hat, weil sie eine höhere ökologische Potenz hat. Es gibt so viele Pflanzen, gerade in z.B. China, die in fast tropischen Regionen vorkommen, hier aber dennoch ziemlich winterhart sind, deswegen glaube ich, dass jede Pflanze "versteckte", evolutionär nicht beseitigte Faktoren und Eigenschaften hat, die ihr ein Überleben auch in ungünstigsten Klimaten ermöglicht.

So wäre mein Gedanke, dass die Lobelien dieses zwar krasse Hochlagenklima in den Tropen aushalten können, aber gleichzeitig auch kein Problem haben, wenn es mal etwas länger friert und etwas wärmer ist, weil sie dort gedeihen, nicht weil sie dort angepasst sind, sondern weil sie in tieferen/höheren Lagen zu konkurrenzschwach wären.

Dieses nächtliche Veratmen macht mir aber Stress, denn das ist eine wirkliche Inkompatibilität , die ich im Freiland kaum beseitigt kriege. Sollten die Samen keimen, werde ich auf jeden Fall mal experimentieren.

Scheint als ob die Riesenlobelien nicht das Wahre sind, wenn ich einen solchen krautigen, palmartigen Habitus suche. Es ist ein Verbrechen, das Schönheiten wie Lobelia rhynchopetalum mal wieder nur auf die Tropen beschränkt sind und das alles nur wegen diesem verfluchten Dauerfrost, er ist ein echter Artenkiller.
LG Khalni
Antworten