hellblauer Acker-Gauchheil

Bestimmungsanfragen für europäische Wildpflanzen.
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Anagallis
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Re: hellblauer Acker-Gauchheil

Beitrag von Anagallis »

Okay, Du sagst also,

1) daß Abstammung nicht als Grundlage für Systematik taugt,
2) daß "'Genetik'" bloß ein Indikator für Abstammung ist,
3) daß Morphologie ebenfalls von der Abstammung verursacht wird (von "'Genetik'"?).

Folglich daß weder "'Genetik'" noch Morphologie zur Begründung einer Systematik taugen. Das kannst Du unmöglich gemeint haben. Die grundsätzliche Kritik an "'Genetik'" kann ich nicht nachvollziehen.
Dominik
Manfrid
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Re: hellblauer Acker-Gauchheil

Beitrag von Manfrid »

Um mal wieder ein wenig an Anagallis - Lysimachia anzuknüpfen: Vor Jahrzehnten erzählte mir ein kenntnis- und geistreicher alter Botaniker (Dr. E. Ladwig in Mühlhausen, Thüringen), dass ihn die Frage umtreibe, warum Lysimachia nummularia überall an den Knoten leicht wurzelt, die ebenfalls kriechende und so nah verwandte Anagallis arvensis aber nicht dazu zu bewegen sei. Für mich war damals die Idee ganz neu, beide Pflanzen überhaupt als so gut vergleichbar anzusehen, dass sich eine solche Frage aufdrängen könnte. Aber ich fand sie dann unter anderem im Hinblick auf die Blütenform ganz einleuchtend und anregend. Trotzdem wäre es mir nie eingefallen, deshalb an der Nomenklatur rütteln zu wollen - und zwar gar nicht wegen der bemerkenswerten Unterschiede. Ob eine Pflanze nun traditionsgemäß Anagallis oder Lysimachia genannt wird, hindert doch in keinster Weise irgend jemanden daran, Unterschiede trotz gemeinsamem Gattungsnamen oder Gemeinsamkeiten trotz unterschiedlicher Benennung ernstzunehmen, interessant zu finden und seine Überlegungen dazu anzustellen. Mit irgend einer (eingebildeten) Gewissheit über die evolutive Nähe oder Ferne eines gemeinsamen Vorfahren, die in der Taxonomie gegeben werden soll, ist da rein gar nichts gewonnen. Unterschiede zwischen nahen Verwandten sind genauso interessant wie Gemeinsamkeiten zwischen Fern- oder Nicht-Verwandten.

Apropos Benennung und Nähe oder Ferne eines gemeinsamen Vorfahren: Kraichgauers Toleranz in dieser Hinsicht gibt ja auch implizite zu, dass die Entscheidung darüber, was eine Art, Gattung etc. sein soll, von ganz Anderem abhängt als vom Abstand zu einem gemeinsamen Vorfahren:
Kraichgauer hat geschrieben: Do Jun 18, 2026 11:57 amDas Einzige, was hier flexibel ist, ist die Frage, auf welchem Niveau man die monophyletischen Entitäten definiert.
Selbst, wenn das wirklich das Einzige wäre: Es ist entscheidend. Es kippt die Behauptung, die Nomenklatur sollte die Abstammungsverhältnisse widerspiegeln. Damit ist sie von vornherein überfordert. Sie kann nur widerspiegeln, welche "Ähnlichkeiten irgend welcher Art" die Benenner gerade besonders bemerkenswert fanden. Das ist für die Verständigung ausreichend und auch anregend genug. Man kann ja selbst Anderes noch bemerkenswerter finden, aber ein Streit darüber, was nun "objektiv" am allerbemerkenswertesten ist, ist müßig. Und von diesem müßigen Charakter sind die "neuesten Phylogenien" - zwar nicht, was den positiven Inhalt der Untersuchungen, aber was die angeblich notwendigen Konsequenzen in der Nomenklatur anbelangt.
Zuletzt geändert von Manfrid am Fr Jun 19, 2026 8:58 pm, insgesamt 1-mal geändert.
Manfrid
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Re: hellblauer Acker-Gauchheil

Beitrag von Manfrid »

Anagallis hat geschrieben: Fr Jun 19, 2026 7:40 pm Okay, Du sagst also,
1) daß Abstammung nicht als Grundlage für Systematik taugt,
Korrekt.
Anagallis hat geschrieben: Fr Jun 19, 2026 7:40 pm2) daß "'Genetik'" bloß ein Indikator für Abstammung ist,
Nein. Ich sage, dass das, was man gerne "Genetik" nennt, auch nur "Ähnlichkeiten (und Unähnlichkeiten) irgend welcher Art" liefert, über die man sich verschiedenste Gedanken machen kann - meinethalben auch bezüglich der Abstammungsverhältnisse, wenn einen die interessieren.
Anagallis hat geschrieben: Fr Jun 19, 2026 7:40 pm3) daß Morphologie ebenfalls von der Abstammung verursacht wird (von "'Genetik'"?).
Wie denn das? Ich setze "Genetik" als Bezeichnung für die betreffenden Untersuchungen, die spezielle Merkmale eines Organismus' nicht bloß in gesetzmäßigem Zusammenhang mit anderen Merkmalen stehend, sondern geradezu als Ursache derselben annehmen, ja konsequent in Anführungszeichen.
Anagallis hat geschrieben: Fr Jun 19, 2026 7:40 pmFolglich daß weder "'Genetik'" noch Morphologie zur Begründung einer Systematik taugen. Das kannst Du unmöglich gemeint haben.
Mit letzterem Satz liegst Du wieder richtig - was aber einschließt, dass Du mit dem Satz davor danebenliegst. Die "Genetik" gehört einfach in die Morphologie (sensu lato) integriert. Dann kann jeder zu einer seinen Interessen genügenden eigenen "Systematik" kommen (ähnlich, wie es ja auch schon allgemeinere Systematiken nach Wuchsformen, Bestäubern, Standortpräferenzen etc. gibt), während eine allgemein zur Verständigung dienende Systematik sich einfach an der Tradition, d. h. am Interesse bzw. den Ähnlichkeitsentdeckungen von ersten Namensgebern orientiert.
Anagallis hat geschrieben: Fr Jun 19, 2026 7:40 pm Die grundsätzliche Kritik an "'Genetik'" kann ich nicht nachvollziehen.
Das spürt man ein Bisschen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
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