Das entscheidende Argument, warum Morphologie immer (!) unzureichend bleiben wird und warum selbst bei klonalen, asexuellen Apomikten die Genetik notwendig ist, liefern Kirschner & Stepanek (2025) in einem Artikel über apomiktische Löwenzähne Asiens (
https://doi.org/10.11646/phytotaxa.679.1.1):
"Although individual agamospermous species are not very variable genetically, they have a potential to exhibit a wide range of plasticity, as individuals conspicuously respond to the varied environment (this may be important for the characters of outer phyllaries, for instance). Another, equally important source of plasticity is a result of successive changes in the characters during the development of the plants. In particular, leaves develop in a sequence of forms, old leaves disappear and are replaced by new ones of different shapes and colours. The plasticity can be also observed on plants growing in adverse conditions, such as shade, draught, trampling, excessive nutrition or extreme oligotrophy, strong competition stress, etc.”
Das heißt: Die morphologische Variabilität, die durch Umweltfaktoren und Spontanmutationen entsteht, verschleiert zwangsläufig die verwandtschaftlichen Verhältnisse. Der Versuch der Traditionalisten, Morphologie (selbst bei klonalen Apomikten!) als alleinige Verwandtschaftsgrundlage zu verwenden, muss also zum Scheitern verurteilt sein, da man die tatsächlichen monophyletischen Merkmale nicht mit Sicherheit von der individuellen und standortbedingten Variabilität bzw. von paraphyletischen, zufällig mehrfach voneinander entstandenen Merkmalen trennen kann. Zahllose früher als monophyletisch geglaubte und für Stammbäume verwendete Merkmale (Farbe, Behaarung, u. v. a.) stellten sich mittlerweile als paraphyletisch heraus.
Um so schlimmer ist es, wenn es Hybridisierungen zwischen entfernt verwandten Gruppen gibt und damit Introgressionen. So was kann man mit Morphologie überhaupt nicht mehr in den Griff bekommen.
Selbst bei klonalen Apomikten überlappen sehr häufig die morphologischen Merkmale zwischen getrennten Arten, zwischen denen kein Genfluss mehr existiert, und die Trennung der Arten bzw. das Finden von zuverlässigen, tatsächlich spezifischen Trennmerkmalen ist ohne Genetik kaum oder nicht möglich.
Der Ansatz des Ignorierens oder Lächerlichmachens der Genetik würde also die Rückkehr in die dunklen Zeiten der "morphologischen Spekulationen" bedeuten, die wir gerade überwunden haben. Manche, die diese Möglichkeit zur freien Spekulation weidlich ausgenutzt hatten, bedauern das natürlich.
Gruß Michael