Botanik im Mainstream

Hier könnt Ihr Euch vorstellen oder vom Thema abschweifen.
Kraichgauer
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Botanik im Mainstream

Beitrag von Kraichgauer »

Hallo zusammen,

der Kollege Andreas Fleischmann hat es tatsächlich geschafft, die Botanik im Mainstream sichtbar zu machen!

https://www.spiegel.de/wissenschaft/nat ... c05745a1a3
Die gleiche Meldung war auch auf anderen Online-Medien.

Andreas ist maßgeblich in etlichen Karnivoren-Seiten und -Foren beteiligt, auch weltweite Checklisten. Darauf bezieht er sich teilweise.
Kann also nur helfen. Hoffen wir mal, dass wir auch über unser Forum hier künftig neue Arten entdecken :geek: .

Gruß Michael
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Anagallis
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Re: Botanik im Mainstream

Beitrag von Anagallis »

Ich wäre schon froh, wenn der Kollege mal mit der "neuen Art" in der Pfalz zu Potte käme und endlich veröffentlicht, bevor die Katzen den Herbarbeleg fressen.
Dominik
Andreas Melzer
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Re: Botanik im Mainstream

Beitrag von Andreas Melzer »

Hallo zusammen,
ich greife mal den Stichpunkt "neue Art" auf.
Welche Arten sind in jüngerer Zeit, also im aktuellen Jahrtausend, in Mitteleuropa als neu für die Wissenschaft erkannt worden und haben noch Bestand? Mal abgesehen von Gruselgruppen rund um Ranunculus auricomus und Taraxacum. Mir fielen jetzt Festuca pulveridolomiana (2019) und Stellaria ruderalis (2019) ein, aber die scheinen auch noch irgendwie in der Luft zu hängen.
Beste Grüße,
Andreas
Kraichgauer
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Re: Botanik im Mainstream

Beitrag von Kraichgauer »

Na, es wäre doch überraschend, wenn man tatsächlich in Mitteleuropa eine echt neue Art finden würde, die sich morphologisch erheblich unterscheidet und nicht schon längst wenigstens als Unterart oder Varietät gelistet worden wäre? Nach 300 Jahren Botanik und "Kartierung jeder Ritze" wäre das wohl zuviel verlangt.

Für Fälle, bei denen man tatsächlich im Gelände eine spektakuläre, vollständig neue Art gefunden hat, muss man schon zu den Insekten und bis in die hinterste Türkei gehen - Euapatura mirza aus den 1970er Jahren ist so ein Fall https://www.zobodat.at/pdf/NEVA_5_0007-0017.pdf.
Oder man geht zu den etwas kleineren Arten: https://www.zobodat.at/pdf/Mitt-Ent-Ver ... 5-0006.pdf. Letzteres könnte aber auch eine eingeschleppte Art gewesen sein.

Festuca pulveridolomiana gehört in das ovina agg., das ist auch eine "apomiktische Gruselgruppe". Da hat übrigens Boeuf unlängst gleich mehrere Arten neu für die Vogesen beschrieben, und auch in Deutschland fallen mehrere weitere in den Zeitraum nach 2000.
Stellaria ruderalis ist eine kryptische, weitgehend zytologisch begründete Art. So was kommt öfters mal vor.

Von den vielen "Bomble- und Loos-Arten", die auf rein morphologischer Basis ohne Genetik oder Zytologie beschrieben wurden, hat es bisher noch keine geschafft, wirklich anerkannt zu werden. Gleiches gilt für die zahlreichen Hochstufungen durch Landolt.

Mehr fündig wird man bei unerwarteten Vorkommen weitab vom sonstigen Verbreitungsgebiet. Mir fallen da so ein:
Carex glacialis in den Alpen https://botges.ch/file/con/113/1_18_BAU ... llerat.pdf
Oder das hier https://www.zobodat.at/pdf/Kochia_12_0083-0098.pdf

In Spanien ist die Chance größer. Da hat man erst vor wenigen Jahren eine komplett neue Gattung aus der Linaria-Gruppe im Süden entdeckt (Gadoria falukei, https://www.almerinatura.com/joyas/hall ... doria.html), und im Nordwesten 2014 und 2016 zwei neue Doldenblütler, ebenfalls in einer neuen Gattung (Rivasmartinezia cazorlana und R. vazquezii). Das müssten die letzten beiden Blütenpflanzen-Gattungen in Europa gewesen sein, die wirklich neu im Gelände gefunden wurden und nicht künstlich durch Neueinteilung bestehender Gattungen geschaffen wurden.

Auch in den Südwestalpen gab es mehrere neue und sehr überraschende Entdeckungen, das war aber m.W. 1989 (Vicia cusnae).

Das Heraustrennen kryptischer Arten aus einem Komplex ist vielversprechender, z. B. in Orobanche gleich mehrfach: Orobanche beauverdii (2021), O. lycoctoni, O. staehelinae...

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt... Ein guter, anscheinend noch namenloser Kandidat ist der "bestachelte Stachys palustris" von Flussufern an der Elbe. Auch nach Jahrzehnten des Suchens hat sich hier noch kein Name ergeben. Siehe Bildatlas S. 1233. Das könnte wirklich was Neues sein.

Gruß Michael
Andreas Melzer
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Re: Botanik im Mainstream

Beitrag von Andreas Melzer »

Hallo Michael,
herzlichen Dank für die ausführliche Antwort. Soviel Arbeit wollte ich um Himmelswillen nicht verursachen. Mangels Überblick hatte es mich ledigilch interessiert (und tut es noch), ob in ME "neue" Pflanzenarten aufgetaucht sind. Abgesehen von Höherstufungen und Aufdröselung gewisser Aggregate. Und einer Prüfung sollte das Ganze schon standhalten und nicht ein schlichter Modifikant sein, weil es vielleicht einen Hauch von Abweichung von der "Norm" gibt.
Eigentlich meinte ich tatsächlich das Klischee: Da kommt jemand um's Eck und steht plötzlich vor einer spec. nov., bei deren Erkennung man sich nicht total verrenken muss. Gadoria falukei als prima Beispiel, aber so weit südlich habe ich nicht gedacht. Nach Stellaria ruderalis (die erkannt zu haben finde ich toll) suchte ich mich bis jetzt schimmelig und habe kapituliert.
Schade, dass es Stachys spinosa und aspera schon gibt. Bin gespannt, was daraus wird.
Beste Grüße,
Andreas
Kraichgauer
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Re: Botanik im Mainstream

Beitrag von Kraichgauer »

Nein, war nicht viel Arbeit, denn das da oben ist ja nur das, was mir zufällig so einfiel, ohne größere Recherche.

Das mit Stellaria ruderalis denke ich, ist wohl eher ein Bestimmungsproblem. Die Art ist überall häufig, zumindest hier im Südwesten, wenn auch etwas seltener als die normale media. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie bei Dir nicht vorkommt.

Zum Thema Stachys: jeder, der recherchiert, trifft zunächst auf den ostasiatischen Stachys riederi = Stachys aspera = S. palustris subsp. aspera. Leider falsch - S. aspera hätte sehr langhaarige, eher rundliche, rundum behaarte Stängel. Unser Rätsel-Stachys hat starr bedornte Kanten, die Stängel sind 4kantig und auf der Fläche kahl.
Der verstorbene Kollege Buttler hat jahrelang dem hinterher recherchiert und ist auch nicht weitergekommen. Genetik hat noch keiner gemacht.

Gruß Michael
Spinnich
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Re: Botanik im Mainstream

Beitrag von Spinnich »

Kraichgauer hat geschrieben: Mo Jan 23, 2023 2:43 pm Na, es wäre doch überraschend, wenn man tatsächlich in Mitteleuropa eine echt neue Art finden würde, die sich morphologisch erheblich unterscheidet und nicht schon längst wenigstens als Unterart oder Varietät gelistet worden wäre? Nach 300 Jahren Botanik und "Kartierung jeder Ritze" wäre das wohl zuviel verlangt.

Für Fälle, bei denen man tatsächlich im Gelände eine spektakuläre, vollständig neue Art gefunden hat, muss man schon zu den Insekten und bis in die hinterste Türkei gehen - Euapatura mirza aus den 1970er Jahren ist so ein Fall ...

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt... Ein guter, anscheinend noch namenloser Kandidat ist der "bestachelte Stachys palustris" von Flussufern an der Elbe. Auch nach Jahrzehnten des Suchens hat sich hier noch kein Name ergeben. Siehe Bildatlas S. 1233. Das könnte wirklich was Neues sein.

Gruß Michael
Ich denke so spektakuläre Funde wird man in der (europäischen) Botanik nicht mehr vorweisen können, wie den einer neuen Insektenordnung, der Mantophasmatodea, die eigentlich im Jahr 2001 in der Sammlung des Geologisch-Paläontologischen Instituts und Museums der Universität Hamburg begann, wo zwei rätselhafte 45 Mio. Jahre alte Bernsteineinschlüsse aus dem Baltikum dem damaligen Doktoranden Oliver Zompro auf die Spur dieser recent noch in Südafrika vorkommenden lebenden Fossilien geleitete.
https://www.zobodat.at/pdf/Verh-Westd-E ... 3-0062.pdf
https://www.zobodat.at/pdf/ENTAU_0016_0073-0084.pdf

Da müssen Botaniker in den gut erforschten Teilen des Globus vermutlich kleinere Brötchen backen.

Gruß Dieter
Garibaldi
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Re: Botanik im Mainstream

Beitrag von Garibaldi »

Bsp. bei den Schmetterlingen ist Leptidea sinapis agg. Artengruppe Leguminosen-Weißling, zu dem 3 Arten gehören. Bei Insekten ist die Wahrscheinlichkeit wegen der insgesamt höheren Artenzahl vermutlich größer, kryptische Arten zu finden. Wobei das für mich bei dem Weißling eher um ein "Stellaria media-Problem" handelt, die Art wurde schlicht übersehen, weil die Unterscheidung schwierig ist.
Andreas Melzer
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Re: Botanik im Mainstream

Beitrag von Andreas Melzer »

Hallo,
erinnert mich an den Scheckenfalter Melitaea neglecta. Schlug damals hohe Wellen. Solche "übersehene" Arten, weil die in einem Haufen ähnlicher stecken, werden immer wieder auftauchen. Und es ist auch gut so, dass jemand genauer hinschaut.
Beste Grüße,
Andreas
phytojule
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Re: Botanik im Mainstream

Beitrag von phytojule »

Hallo in die Runde,

bei den pflanzenparasitischen Kleinpilzen ist das schon leichter neue Arten zu finden, also auch innerhalb von Deutschland. Und noch viel leichter natürlich in dem man Artengruppen aufspaltet, das ist ja klar.

Ein Beispiel einer neuen Art welches auch als sp. nov. publiziert ist, ist ein Entyloma auf Scorzonera hispanica. Dem müsste man sich mal molekular widmen und dann neu beschreiben...

Liebe Grüße,
Jule
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