Systematische Dokumentation von Keimlingsstadien - Sinnvoll für Bestimmung, Artenschutz & Rekultivierung?

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Immergrün
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Systematische Dokumentation von Keimlingsstadien - Sinnvoll für Bestimmung, Artenschutz & Rekultivierung?

Beitrag von Immergrün »

Ich spiele seit einiger Zeit mit einem Gedanken und würde gerne eure Meinung und Expertise dazu hören:

Ich halte es für sinnvoll, Pflanzen systematisch in ihrem gesamten Entwicklungs-Habitus zu dokumentieren – vom Samenkorn über die verschiedenen Keimlingsstadien bis hin zur ausgewachsenen, blühenden Pflanze. Ich denke bei Samenkörnern gibt es das schon etwas mehr, ich meine aber auch hier gebe es noch Ausbaubedarf.

Was meiner Meinung dafür spricht:
  • Analyse der Samenbank im Boden: Man könnte viel einfacher bestimmen, welche Pflanzenarten im Boden als Samenpotenzial vorhanden sind. Das wäre zum Beispiel für Renaturierungs- und Rekultivierungsprojekte von unschätzbarem Wert.
  • Schutz gefährdeter Arten: Wie oft übersieht man seltene oder gefährdete Arten, weil man sie im Keimlingsstadium schlicht nicht erkennt Eine bessere Kenntnis der Keimlinge könnte hier entscheidend zum Schutz beitragen.
Das offensichtliche Gegenargument:
  • Die Identifizierung von Pflanzen ist gerade im Keimlingsstadium bekanntermaßen sehr schwierig, da sich viele Arten stark ähneln.
  • der Aufwand ist recht groß
  • Keimlingstadien sind nicht immer sehr langandauernd

Dennoch sehe ich hier deutlich mehr Chancen als Risiken. Die Schwierigkeit der Bestimmung ist eine Herausforderung, aber eine, die wir mit moderner Technik (z.B. Fotodatenbanken) vielleicht überwinden könnten.

Meine Fragen an euch:
  • Wie seht ihr das? Haltet ihr eine solche umfassende Dokumentation für machbar und den Aufwand für gerechtfertigt?
  • Gibt es vielleicht schon Projekte oder Datenbanken in diese Richtung, die ich übersehen habe?
  • Welche Erfahrungen habt ihr bei der Bestimmung von Keimlingen gemacht?
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Anagallis
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Re: Systematische Dokumentation von Keimlingsstadien - Sinnvoll für Bestimmung, Artenschutz & Rekultivierung?

Beitrag von Anagallis »

Um den Ihnhalt der Samenbank zu prüfen, kann man sie einfach aussäen. Das wird ja manchmal absichtlich oder unabsichtlich gemacht, etwa wenn Baggerschlamm auf Flächen ausgebracht wird. Es reicht auch nicht, eine kleine Probe zu nehmen. Die seltenen Arten stehen ja nicht flächendeckend in den Gebieten.
Immergrün hat geschrieben: Mo Aug 11, 2025 11:31 am Wie seht ihr das? Haltet ihr eine solche umfassende Dokumentation für machbar und den Aufwand für gerechtfertigt?
Na ja, wer soll das alles machen? Schon die Flora Germanica ist ein Mammutprojekt, und da sind die Arten bloß in Vollblüte zu sehen.
Gibt es vielleicht schon Projekte oder Datenbanken in diese Richtung, die ich übersehen habe?
Es gibt diverse Bücher zur Bestimmung von Ackerkräutern im Jungstadium und einen gedruckten Samenatlas für die Karpaten. An der Uni Groningen gibt es diesen Samenatlas: https://dpa.web.rug.nl/repository . Auf Flora-De sind ebenfalls einige Vegetationsstadien zu sehen, aber nicht systematisch. Samen- und Fruchtfotos sind in Spezialfällen sehr nützlich oder zwingend notwendig. Samen lassen sich im Gegensatz zu Keimlingen sehr gut herbarisieren und nach langer Zeit noch untersuchen.
Welche Erfahrungen habt ihr bei der Bestimmung von Keimlingen gemacht?
In vielen Fällen erschließt sich die Art oder Artengruppe aus dem Standort. Im allgemeinen ist die Samenstruktur oft hilfreicher als die Keimblätter. Das größte Hindernis an der Bestimmung via Jungpflanze sehe ich im Aufwand. Die Zeit im Feld reicht sowieso nie, um sich alles anzusehen, was es gibt. Da ist wenig Zeit, um sich auch noch zur Keimlingsbestimmung am Boden zu wälzen. Nach der 1/20-Regel kann man die seltenen Keimlinge auch nicht mitnehmen. (Nie mehr als 1/20 des Bestands bzw. der Pflanze herbarisieren).
Dominik
Kraichgauer
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Re: Systematische Dokumentation von Keimlingsstadien - Sinnvoll für Bestimmung, Artenschutz & Rekultivierung?

Beitrag von Kraichgauer »

So was gibt es bereits mehrfach und braucht nicht neu erstellt zu werden.
Das beste neue, wenn auch wegen der sperrigen Titel und der staatlichen Bezugsquelle eher übersehene Beispiel sind die beiden Bücher von Würfel et al.
2018: (Un)kräuter und (Un)gräser im und am Acker
2020: Blüh- und Zwischenfruchtmischungen - Biodiversität im und am Acker.
Erschienen bei der Augustenberger Beratungshilfe. Hier sind für mehrere 100 Ackerarten die ganzen Entwicklungsstadien vom Samen und Keimling bis zur Blüte dargestellt und ihre Kennzahlen zusammengefasst. Beide Bücher sind für wenige Euro Schutzgebühr billig zu bekommen. (https://ltz.landwirtschaft-bw.de/,Lfr/A ... nstransfer). Besonders erfreulich sind die fast vollständigen Bilder von Keimlingen.
(Ich bin allerdings befangen, habe zahlreiche Bilder beigesteuert.)

Gruß Michael
Immergrün
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Re: Systematische Dokumentation von Keimlingsstadien - Sinnvoll für Bestimmung, Artenschutz & Rekultivierung?

Beitrag von Immergrün »

Anagallis hat geschrieben: Mo Aug 11, 2025 12:22 pm Um den Ihnhalt der Samenbank zu prüfen, kann man sie einfach aussäen. Das wird ja manchmal absichtlich oder unabsichtlich gemacht, etwa wenn Baggerschlamm auf Flächen ausgebracht wird. Es reicht auch nicht, eine kleine Probe zu nehmen. Die seltenen Arten stehen ja nicht flächendeckend in den Gebieten.
Immergrün hat geschrieben: Mo Aug 11, 2025 11:31 am Wie seht ihr das? Haltet ihr eine solche umfassende Dokumentation für machbar und den Aufwand für gerechtfertigt?
Na ja, wer soll das alles machen? Schon die Flora Germanica ist ein Mammutprojekt, und da sind die Arten bloß in Vollblüte zu sehen.
Gibt es vielleicht schon Projekte oder Datenbanken in diese Richtung, die ich übersehen habe?
Es gibt diverse Bücher zur Bestimmung von Ackerkräutern im Jungstadium und einen gedruckten Samenatlas für die Karpaten. An der Uni Groningen gibt es diesen Samenatlas: https://dpa.web.rug.nl/repository . Auf Flora-De sind ebenfalls einige Vegetationsstadien zu sehen, aber nicht systematisch. Samen- und Fruchtfotos sind in Spezialfällen sehr nützlich oder zwingend notwendig. Samen lassen sich im Gegensatz zu Keimlingen sehr gut herbarisieren und nach langer Zeit noch untersuchen.
Welche Erfahrungen habt ihr bei der Bestimmung von Keimlingen gemacht?
In vielen Fällen erschließt sich die Art oder Artengruppe aus dem Standort. Im allgemeinen ist die Samenstruktur oft hilfreicher als die Keimblätter.
Ja, das stimme ich zu, man kann die Pflanzen auch einfach aussäen, um sie zu bestimmen. Aber das ist ein langwieriger Prozess. Spannend wäre es doch, schon Keimlinge direkt im Feld sicher identifizieren zu können. Damit ließen sich nicht nur schneller die Potenziale von Samenbanken erschließen, man könnte auch Rückschlüsse auf die Landschaftsgenese ziehen. Das wäre besonders wertvoll für Flächen, über deren historische Nutzung es nur wenige Daten gibt, oder für Gebiete, die bisher wenig beachtet und daher unzureichend oder zu spät kartiert wurden. Ich denke, das würde einige Prozesse zumindest zielgerichteter und schneller machen.

Ich sehe da auch einen konkreten Anwendungsfall für die Zukunft: Heutige Mähroboter sind ein Graus, weil sie den Menschen dabei helfen, selbst das letzte Gänseblümchen aus dem Rasen zu verdrängen. Interessant wären hier smarte Mähroboter/Jätroboter ( ein paar Ansätze in der Richtung gibt es ja) die gezielt bestimmte Keimlinge erkennen und stehen lassen könnten. Für die großflächige Landschaftspflege ist das aber sicherlich weniger relevant. Dort halte ich die Beweidung durch Tiere aufgrund der vielfältigen ökologischen Prozesse – wie Sporen- und Samenverteilung, partielle Düngung und die Dung-Ökologie – für überlegen.

Um die Datengrundlage dafür zu schaffen, könnte ein Citizen-Science-Projekt zielführend sein. Man bräuchte natürlich Kontrollmechanismen. Beispielsweise könnten Bilderserien erst dann in den Datenpool aufgenommen werden, wenn das letzte Foto die Pflanze eindeutig in Blüte zeigt und so eine sichere Bestimmung vorliegt. Man muss sich nur vorstellen wie viele Leute diverse Pflanzen aussäen, das wäre ein großer Datenschatz. Ich persönlich bin auch dazu übergegangen, von den Dingen, die ich gezielt aussäe, immer wieder Fotos der Jungpflanzen zu machen. Allerdings merkt man schnell: Ohne eine gute Datenstruktur wird das Ganze sehr unübersichtlich.

Was Samen angeht stimme ich auch zu ist auch bezogen auf die Lebenszeit der Pflanze, insofern man das Samenkorn als Teil der Lebensphase betrachtet :D

Die genannten Projekte muss ich mir mal anschauen, aber gut das so etwas in der Richtung gemacht wird.

@kraichgauer Danke für den Hinweis! Bezieht sich das hauptsächlich auf Ackerpflanzen, oder?

Ich kann mir gut vorstellen, dass es Sinn ergibt, sich zunächst auf diese Arten zu konzentrieren. Äcker sind ja sehr schnelllebige Lebensräume, und dort ist es entscheidend, die Arten schnell zu erkennen, bevor wieder gepflügt wird.

Aber für andere Standorte gibt es doch sicher auch noch Potenzial, oder? Gerade Moor-Standorte stelle ich mir bezüglich ihres Samenbank-Potenzials sehr spannend vor, da dort viele Samen durch die besonderen Bedingungen über lange Zeiträume konserviert werden.
Kraichgauer
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Re: Systematische Dokumentation von Keimlingsstadien - Sinnvoll für Bestimmung, Artenschutz & Rekultivierung?

Beitrag von Kraichgauer »

Machen kannst Du viel, vor allem in den Gruppen, die noch nicht so gut dokumentiert sind. Aber vorher täte ich mir überlegen, was Du eigentlich mit den erarbeiteten Erkenntnissen und Bildern vorhast - ein Buch, ein Feldführer, eine Website oder was auch immer? Und die Größe des Zielpublikums. Über Keimlinge in Mooren rentiert sich kein Buch.

Gruß Michael
Immergrün
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Re: Systematische Dokumentation von Keimlingsstadien - Sinnvoll für Bestimmung, Artenschutz & Rekultivierung?

Beitrag von Immergrün »

Kraichgauer hat geschrieben: Do Aug 14, 2025 1:13 pm Machen kannst Du viel, vor allem in den Gruppen, die noch nicht so gut dokumentiert sind. Aber vorher täte ich mir überlegen, was Du eigentlich mit den erarbeiteten Erkenntnissen und Bildern vorhast - ein Buch, ein Feldführer, eine Website oder was auch immer? Und die Größe des Zielpublikums. Über Keimlinge in Mooren rentiert sich kein Buch.

Gruß Michael
Ja die Zielüberlegungen sind wichtig. Ich wollte ja daher hier erstmal grundsätzlich die Frage stellen, ob dies sinnvoll ist. Ich persönlich hätte an solchen Informationen Interesse und ich kenne auch einige andere die daran Interesse hätten. Manche von diesen kultivieren einiges an sehr selten gewordenen Pflanzen, welche dann oft nur kurzlebig sind, das wären bspw. Daten die ich für sinnvoll erachte, da der relative Anteil der Lebenszeit der Keimlingstadien etwas größer ausfällt.

Mir ist kürzlich ein passender Anwendungsfall begegnet: Auf einer großen Baustelle eines technischen Bauwerks sah ich eine Vielzahl von unbekannten Keimlingen. Ein paar davon konnte ich identifizieren. Leider wurde die gesamte Fläche im Zuge der Bauarbeiten zerstört, obwohl sie für das Projekt nicht notwendig gewesen wäre. In diesem Fall hätte man zumindest die Möglichkeit gehabt, auf das Vorkommen hinzuweisen und die Fläche zu schützen. Ironischerweise wurde später nährstoffreiche und mit Neophyten verseuchte Erde angeschüttet. Das ist aber ein anderes Problem.

Ich hätte an eine Webseite mit entsprechender Datenbank gedacht.
Angesichts des Aufwands wäre es sinnvoller, sich an einem bereits bestehenden Projekt zu beteiligen und dessen vorgebaute Strukturen zu nutzen. Ein Ein-Mann-Projekt hätte vermutlich ohnehin wenig Erfolg.
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