Indigene Pflanzen versus Zuchtformen - Literatursuche

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TMS61
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Indigene Pflanzen versus Zuchtformen - Literatursuche

Beitrag von TMS61 »

Mir fällt auf, dass in meiner Umgebung (dicht besiedeltes Schweizer Mittelland) viele Arten vorkommen, bei denen ich nicht sicher sagen kann, ob es sich um indigene Arten oder um "entlaufene Zuchtformen" handelt. Gerade jetzt im Frühling lassen sich als Beispeile Scilla bifolia, Hyacinthoides spec., Convallaria majalis, Muscari spec., Pulmonaria spec., Galanthus nivalis, Eranthis hyemalis und viele mehr anführen. Bei Eranthis hyemalis habe ich die Faustregel, dass Pflanzen ausserhalb des Juras und der Voralpen mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht indigen sind - bei dieser Art ist es insofern einfach, da Zuchtformen sich sehr schnell erkennen lassen. Einen Beleg für diese These habe ich natürlich nicht.

Kennt jemand Publikationen, welche dieses Thema behandeln?
Kraichgauer
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Re: Indigene Pflanzen versus Zuchtformen - Literatursuche

Beitrag von Kraichgauer »

Hallo und willkommen im Forum,

das ist ein Problem, das vielfach auftritt. Ich wüsste nicht, dass es eine Publikation gibt, die sich übergreifend mit der Thematik beschäftigt, sondern man muss es bei jeder einzelnen Art aufdröseln, sofern es in unserem Raum sowohl Wildformen als auch neophytische Zierformen derselben Art gilt. Teilweise streitet man sich schon lange um die Problematik, ich sage nur Galanthus nivalis (bei der es aber merkliche Unterschiede zwischen beiden Formen geben soll) oder Primula vulgaris. Ganz übel ist auch Aquilegia vulgaris, da haben viele angeblich "natürliche" Vorkommen drei Farben und können daher kaum indigen sein.
Also kann ich nur sagen - im Einzelfall nachlesen, wo die natürlichen Verbreitungsgebiete liegen. Die jeweilige Historie sollte aber in den großen Floren jeweils aufgedröselt sein - Ihr habt ja in der Schweiz gleich mehrere komplette Florenwerke.

Verwandt ist die Frage der "Stinsenpflanzen", "Burgenpflanzen" und "Klostergartenpflanzen", die als Archäophyten gelten, weil schon vor 1492 eingeführt, und deswegen oft in Roten Listen landen (Doronicum pardalianches, Marrubium, Fritillaria, Ruta, Aristolochia clematitis...).

Genauso kritisch ist das Thema, dass eine bisher seltene Art plötzlich invasive Tendenzen entwickelt, was den Verdacht auf Selektionen (auch gärtnerisch) erweckt, z. B. Anthemis tinctoria aus Böschungsansaaten, oder das komische Galium verum an den Autobahnen.

Zum Thema Eranthis hyemalis: der ist weder in Deutschland noch in der Schweiz irgendwo heimisch, sondern nur in Süd(ost)europa. Infoflora.ch formuliert es etwas kryptisch als "ursprünglich südeuropäisch".
Etwas einfacher ist es bei Pulmonaria, da sind die gärtnerisch verwendeten Arten (saccharata, rubra, dacica etc.) zwar ähnlich, aber verschiedene Arten zu den Wildformen und daher per Bestimmungsschlüssel zu unterscheiden.

Gruß Michael
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Anagallis
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Re: Indigene Pflanzen versus Zuchtformen - Literatursuche

Beitrag von Anagallis »

Ich habe mal die "Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs" geflöht, aber zu Muscari/Scilla/Chionodoxa/Galanthus steht da nichts zu Kultursippen der Arten. Ich schaue die Tage mal noch in andere Literatur.
Dominik
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Anagallis
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Re: Indigene Pflanzen versus Zuchtformen - Literatursuche

Beitrag von Anagallis »

Kraichgauer hat geschrieben: Fr Mär 13, 2026 7:55 pm Etwas einfacher ist es bei Pulmonaria, da sind die gärtnerisch verwendeten Arten (saccharata, rubra, dacica etc.) zwar ähnlich, aber verschiedene Arten zu den Wildformen und daher per Bestimmungsschlüssel zu unterscheiden.
Allerdings wird officinalis auch oft als Zierpflanze verwendet.
Dominik
TMS61
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Re: Indigene Pflanzen versus Zuchtformen - Literatursuche

Beitrag von TMS61 »

Hallo Michael und Dominik
Ganz herzlichen Dank für Eure sehr wertvollen Hinweise. Sie helfen mir weiter. Besonders interessant ist für mich auch der Hinweis auf die Stinsenpflanzen, das Stichwort hat mich weiter und auf einige Umwege geführt.
Ich bin kurz im Internet die Zusammensetzung einiger der dort angebotenen „Wildpflanzenwiesen“-Saatmischungen durchgegangen. Dabei habe ich einige unerwartete Funde aus dem letzten Jahre (z.B. Anthemis tinctoria und Buglossoides arvensis) wieder getroffen, womit sich deren Herkunft vermuten liesse. Die Thematik wird mich weiter beschäftigen.

Thomas
Kraichgauer
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Re: Indigene Pflanzen versus Zuchtformen - Literatursuche

Beitrag von Kraichgauer »

Bei Anthemis tinctoria ist es relativ einfach zu unterscheiden. Die Saatgut-Formen, die man derzeit überall entlang von Straßen und in Siedlungen antrifft, sind viel großblütiger und robuster als die Wildformen.

Bei Thomas gibt es hier https://blumeninschwaben.de/saatblumen.htm eine Zusammenstellung dieser grauenhaften und ökologisch äußerst fragwürdigen "Blühstreifen"-Mischungen.

Interessant ist auch die Frage, ob die Zuchtformen überhaupt von den an der jeweiligen Art lebenden Insekten genutzt werden können, was nicht immer der Fall zu sein scheint. Bei uns hier am Michaelsberg in Untergrombach gab es früher mehrere Schmetterlinge und Käfer, die an Esparsette leben (einen der Rüsselkäfer gibt es immer noch, der Rest ist verschwunden). Trotz vielfacher Nachsuche haben wir diese Arten nie an den ausgesäten Straßenrand-Esparsetten finden können. Der Grund dafür ist unklar. Möglicherweise liegt es auch daran, dass Insekten oft nur an vorgeschädigten Pflanzen leben können, die weniger Abwehrstoffe bilden, und die Straßenrand-Pflanzen sind zu robust dafür.

Zum Thema Stinsenpflanzen gibt es einige spezielle Veröffentlichungen aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg - dort im Nordosten sind alte Kirchhöfe oft letzte Refugien für viele Arten. Henker et al. haben sogar mehrere hybridogene Gagea-Arten von solchen Stellen beschrieben.

Gruß Michael
Spinnich
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Re: Indigene Pflanzen versus Zuchtformen - Literatursuche

Beitrag von Spinnich »

Die Esparsette wäre für mich ein Beispiel für eine Schmetterligsfutterpflanze, wobei in unseren Breiten der Esparettenbläuling sich als Raupe von der Saat-Esparsette (Onobrychis viciifolia) ernährt, dennoch ist die Art selten.

Dagegen ist die Futterpflanze des Weißdolch-Bläuling (Polyommatus damon), auch Großer Esparsetten-Bläuling oder Grünblauer Bläuling an Sand-Esparsette (Onobrychis arenaria), Die Art ist vom Aussterben bedroht.
Ich war 2023 bei einer Artenhilfsaktion (Entbuschung: Bayern, Bayerische Rhön, Magerrasen über Muschelkalk.

Neuerdings gab es wohl auch einen Nachweis für die Nutzung von Berg-Esparsette (Onobrychis montana) als Eiablagepflanze durch Polyommatus damon für die Bayerischen Alpen in den Allgäuer Hochalpen (2024).
Jedenfalls ist die Verbreitung der Saat-/Futter-Esparsette, oder beliebiger weiterer Arten für den Erhalt des Weißdolch-Bläuling also wertlos.

LG Dieter
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